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Heidegger und japanisches Frühstücksfernsehen
Sooo, da bin ich mal wieder. Da ich kürzlich wieder von einem Sophistentreffen wiedergekommen bin gibt es mal wieder was unterhaltsames.
Das Erste was mir empfohlen wurde ist das Heidegger Lied von Eichhorn und Pigor. War mir vorher gänzlich unbekannt, aber wirklich recht unterhaltsam. Das wäre ja noch was gewesen, wenn wir es mal noch zu Studienzeiten im Seminar angestimmt hätten.
Das Zweite ist ein schöner Clip des japanischen Frühstücksfernsehen und die japanische Interpretation westlicher Kultur.
Was heißt “genuin” denken?
Keine Sorge, ich fange noch nicht an zu heideggern. Nachdem hier schon schön über akademische Zombies und deren intellektueller Verkrüppelung vom Leder gezogen wurde, stellt sich die Frage was denn „genuines Denken“ überhaupt sein soll. Bevor ich mir hier eine hochtrabende Definition einfallen lasse (die kommt vielleicht noch) ist es schöner den Punkt mal einfach per Video zu erläutern. Durch widrige Umstände bin auf den Film Jeder für sich und Gott gegen Alle. Kaspar Hauser von Werner Herzog aufmerksam geworden. In dem Film gibt es gleich zwei überragende Szenen, die den Punkt was heißt genuin denken demonstrieren.
- Das Gespräch zwischen Kaspar Hauser und dem Professor. Kaspar soll das philosophische Lügner-Paradox lösen um seine geistigen Fähigkeiten zu testen. Kaspar denkt genuin und lässt sich erst gar nicht auf das logische Kalkül, das bloß mechanische Denken ein und schlägt eine ebenso einfache wie geniale Lösung des Paradoxes vor. Der Professor kann das nicht gelten lassen…
- Kaspar soll die Allmächtigkeit der Naturgesetze verdeutlicht werden. Mit dem Wissen der Naturgesetze herrscht der Mensch über die Natur und im bacon‘schen Sinne unterwirft der Mensch die Natur seinem Willen. Das Experiment demonstriert aber etwas ganz Anderes als die Dominanz des menschlichen Willens in der Natur…
Ich glaube die Bilder unterstreichen worüber ich hier und dem damaligen Artikel gesprochen habe, welches Denken und welcher Blick auf die Dinge im akademischen Betrieb programmatisch getilgt wird:
“Als Professor der Logik und Mathematik habe ich nicht verstehen gelernt, sondern da habe ich schließen gelernt“
In diesem Sinne…
Zwangsgedanke Teil 1: Über akademische Zombies
“We will tear your soul apart.” – Pinhead (Doug Bradley), Hellraiser 1987
Deutlich tritt die Institutionalisierung der Philosophie einem entgegen, sobald man an einer Sprechstunde teilnimmt. Ich entsinne mich noch recht klar daran wie man dort mit Abscheu und Verachtung begutachtet wird. Das Exemplar das ich mir gegenübersetzte war nur Fleischgewordene intellektuelle Inzucht der Akademien. Da gibt es keine Leidenschaft mehr für das Thema oder ein weiteres Verständnis. Über Jahre hat die knarrende und quietschende Maschine des fachlichen Debattenbollwerkes und das Meer an Papierverschwendung durch Sekundärliteratur den ohnehin zu kleinen Geist dieses Menschen vollkommen gekrümmt, verbogen und entstellt. Genau genommen spricht man mit gar keinem klar denkenden Menschen mehr, sondern mit einem assimilierten Automaten an dessen rechten Ohr man Worte einsprechen kann, sodass aus dessen Mund der allgemeine Konsens – bestehend aus fachlichem Kauderwelsch und Tautologie – herausfällt. Der Arme war dermaßen intellektuell entstellt und geistig verkrüppelt, dass er selbst nach einer jahrzehntelangen Rehabilitierung, bestehend aus Leseverbot und Aufenthaltsbegrenzung an der Universität kaum noch das Selbstdenken wiedererlernen könnte. Das war ihm natürlich nicht bewusst. Aus seiner Perspektive war er über jede Verkürzung des Themas erhaben. In seiner wirren Selbstsicht hielt er sich wohl noch für einen clandestinen Denker, einen Freigeist, der Stolz mit Selbstbeschränkung verwechselte und sich deshalb nicht öffentlich als Genie ausgibt. Der Gute war davon aber weiter entfernt als ein Hund den aufrechten Gang erlernt. In gewisser Weise war er auch ein Hund. Er war abgerichtet, vollzog auf Kommando rhetorische Kunststücke und wich seinem geistigen Herrchen nicht von der intellektuellen Schulter.
Die bürokratisch akademische Medusa hält einen als Studenten jedoch Gefangen und unterbindet jede studentische Auflehnung. Wer will schon gegen einen Flachgeist aufbegehren, wenn dieser einem doch die Scheine unterschreiben und Noten vergeben muss. Überdies verfügt kein Student über solch großes Talent als den Affen einen Spiegel vorzuhalten und dem Dummen ohne Argwohn und Überheblichkeit zu erklären, dass er dumm ist. Genau genommen war er gar nicht dumm, sondern ist dumm gemacht worden. So dumm wie jeder Geist werden muss, der über einen jahrelangen Zeitraum erst gezerrt, verwirrt und umgeformt wird. Da ist im Prinzip gar nichts gegen Einzuwenden, da es notwendig zu einer Reife und Entwicklung des Geistes gehört sich verändern zu müssen. Wohl gemerkt: Verändern, im Sinn von Wachsen und Ausformen. Nicht von Quetschung, Stauchung und letztendlich Verkrüppelung wie es an der Universität geschieht. Wer hier noch nicht den Stumpfsinn teilt, wer will da als Till Eulenspiegel auftreten? Als Märtyrer mit üblem Zeugnis aus der Akademie entlassen werden? Keiner. Also beugt man sich dem Betrieb, beugt man sich dem Unsinn der einem als – beschämend genug – Status Quo der Dinge (am Puls der Zeit aus Übersee) verkauft wird. Nun können sie so gut vorgebildet sein wie sie wollen, das Gegenüber hat immer einen inhaltlichen Trumpf auf Lager. Eine schöne Anekdote zum Thema, ein paar Fremdwörter und bedächtige oder plump um Sachlichkeit bemühte Rhetorik, dass dem Student gleich klar gemacht wird, wer hier die geistigen Hosenträger an hat. Aber – und so viel ist gewiss – es ist alles mehr Schein als Sein. Der einzige Vorteil und Vorsprung mit dem der Dozent auftrumpft ist Zeit, die er umgewandelt hat in Fachkenntnis durch mehr oder weniger fleißige Fachlektüre. Insgesamt steht diese Formel natürlich für Wissen und Weisheit und … Halt!
Eine kleine Zäsur an dieser Stelle, denn hier geschieht der fatale Fehler. Allgemeinhin würde diese Kette assoziiert werden: Zeit x Buch = Wissen. Diese Formel im Quadrat und man erhält Weisheit; auch wenn keiner so recht weiß was das sein sollte. Auf jeden Fall gehört es nicht in die Formel. Wer Zeit x Buch quadriert erhält nicht Weisheit, sondern „Wissen“ im Quadrat. Auch Wissen wollen wir hier aus der Formel hohlen und – unserer eigenen Erfahrung gemäß – ersetzen mit „Belesenheit“. Jemand der viele Bücher gelesen hat, weiß erst mal nicht mehr als vorher, sondern ist belesen. Demnach lautet die Formel: Zeit x Buch = Belesen. Im Falle unseres Philisters in der Sprechstunde handelt es sich um Jemanden der nicht wahllos, irgendwelche Bücher kreuz und quer gelesen hat – was ihm übrigens gut getan hätte – sondern jemanden der viele Fachbücher zu einem besonderen Thema gelesen hat. Die Formel in seinem Fall ist also: Zeit x Fachbuch = Fachwissen, Pardon! Fachbelesenheit. Wer das quadriert erhält einen fachlich sehr belesenen Menschen, einen Fachidioten! (Kleine Randnotiz für die Fachidioten: Wir haben hier nahezu vollständig die Bedingung der Möglichkeit aller Fachidiotie hergeleitet, der fehlende Faktor folgt zugleich). Einen Fachidioten, weil er nur Bücher liest von anderen Fachidioten, von flachen Geistern die eine genuine Idee nur von den Persönlichkeiten kennen über die sie ihre eigenen Bücher füllen, sich also eine Existenz auf intellektuellem Kredit aufbauen. Aber wie lassen sich so viele Bücher lesen, so dass man nicht zu einem Fachidioten mutiert?
Die traurige Ironie besteht darin, dass es hierfür einer geistigen Frische und Schärfe bedarf, die den fachbetrieblichen Zombies vollkommen abgegangen ist. Durch ihre ideelle Inzucht sind sie Unfruchtbar für das Genuine geworden. Genau jenes genuine Denken das sich noch in einem jungen nicht erstarrten Geist findet. Der Geist, den sie durch ihre Lektionen und falschen Pomp assimilieren und akademisch domestizieren wollen. Sie wollen sich keinen größeren Geist heranzüchten der sie am Ende übertrifft, sondern einen der unter ihnen verdorrt und an ihrer Ideenfäulnis teilhat. Morsche Köpfe, in die staubiger Geist eingetrichtert wird, damit auch ihnen der Staub aus dem Munde rieselt. Kleingeister sind es, die sich mit Erhabenheit und ihren Zitationsorden brüsten, sich überlegen dünken und nicht zu mehr taugen als zum geistigen Massenmenschen. Sie halten sich für so groß und wollen mit falschen Einfällen um die Wette prahlen, wo es nichts Tolles zu bestaunen gibt. Es ist das erste Verwesungsanzeichen kleiner Geister, dass sie sich wie Parasiten von den Einfällen Anderer speisen müssen. Sie staffieren sich aus mit fremden Ideen und halten sich dort für Schneider gedanklicher Haute Couture, wo sie nur des Kaisers neue Kleider fabrizieren. Auf dem akademischen Institutsgang haben sie den platonischen Philosophenstaat ausgerufen und geben sich königlich. Nur zu gern erinnert man sich daran, dass sie ihre Kleinheit in den akademischen Vierwänden mit regalem Gehabe kompensieren müssen, da sie außerhalb dieser perversen Welt ein Niemand sind. Für Hungergehälter oder ganz ohne Vergütung müssen sie ihre Lehrkünste der Nachwelt antun. Zwischen Hartz IV und Tagelöhner bilden die meisten von ihnen eine neue Schicht der Junker und nehmen den Platz des ausgelernten verwahrlosten Studenten ein. Die Realität ist so bitter, dass jeder wissen muss, dass die einzige Krone die diese edlen Doktoren jemals tragen werden die einer namenhaften Fastfoodkette ist.
Nun sitzt man bei einem solchen Menschen in der Sprechstunde als junger Student. Man meint, man habe es mit einem professionellen Philosophen zu tun und erwartet so viel. Heiße Luft bekommt man serviert und ein Laienschauspiel von Jemanden, der krampfhaft darum bemüht ist seinen akademischen Titel mit rhetorischem Schattenboxen zu behaupten. Der Unterschied zwischen diesen einzelnen Figuren besteht oftmals nur in Nuancen. Der eine möchte sich gern gönnerhaft und hilfsbereit geben mit der stillschweigenden Bedingung man fahre ihm nur brav weiter durch den Bart. Der Andere ist der rastlose Analytiker, ein Pastor der strengen Sachlichkeit, der allzu oft darüber verbittert ist, dass es ihm nicht gelingt seine großen Vorbilder zu imitieren. Es ist aber eben diese Imitationsbemühung die sein ganzes Treiben verdirbt, denn die, die sie alle nachäffen wollen, haben nie nachgeäfft und sich noch weniger um die intellektuellen Pantomimen geschert.