Archive for the ‘Zwangsgedanke’ Category
Zangsgedanke Teil 8: Loveparade – tot geliebt
Gewalt hört da auf, wo die Liebe beginnt. – Petra Kelly
Eure bester Freund Zwangsjacke hat keine Kosten und Mühen gescheut um nicht auf die Loveparde zu fahren. Das war auch gar nicht nötig, denn ab dem späten Nachmittag lief es ja eh im Fernsehen. Für Alle, die auch hinfahren wollten, aber Extasy zu stark war und seitdem auf Alpha Centauri waren: In der Hauptstadt des Pöbels – Duisburg – hat sich eine “Katastrophe” ereignet! 21 Tote und aber Millionen Verletzte! Viele haben schwere Hirnschäden davon getragen, insbesondere Reporter, Veranstalter und die lokale Stadtverwaltung!
Tja Freunde, 21 Menschen sind tot, weil sie auf eine Massenveranstaltung zum Tanzen gehen wollten, aber in einem Tunnel steckten. Gut, das ist jetzt noch nicht, sonderlich schlimm. Wüßten man nicht, dass es sich in Deutschland ereignet hat, dann könnte es ebenso gut eine Hochzeit in Indien gewesen sein. Aber die eigentliche Katastrophe besteht erst, wenn in Deutschland 21 Menschen sterben. Da reisen gar die Kanzlerin, Bundespräsident und die lokalen Politiker von Rang und Adel an, um sich volksnah und trauerlich zu präsentiern. Der “Todestunnel” ist tagelang gesperrt, da eine Meute von Gaffern und Kondolenzern sich solidarisch geben will und Kerzen anzünden will. Ich hatte noch auf ein Eintreffen der geschmückten Bundeswehr gewartet mit allem Pomp, Flagge hissen, Zinksärge und Salut. Aber so wichtig waren die Toten, dann wohl doch nicht. Scheinheiligkeit wohin das Auge und Ohr reicht.
In der Zwischenzeit ist auch schon wieder kräftig gestorben worden. Aber Flutkatastrophen mit hunderten von Toten sind einfach keine Konkurenz für ein paar Tote im heimischen Land. Und was treiben uns die Medien mit der Schuldfrage um! Wer darf Sündenbock sein? Der gute Sauerland war es nicht, der Veranstalter hat ein bischen geflunkert mit den Besucherzahlen – sollten ca. 400.000 sein - und die Stadtverwaltung hat auch keine Schuld, denn sie hat ein Gelände für 250.000 Leute zur Verfügung gestellt. Man muss es eben nur nicht mit den Zahlen so genau nehmen wollen, genaue Berichterstattung für komplexe Sachlagen ist eben nichts für die Medien.Ich bin gespannt wie lange es dauern wird bis wir den komplexen Zusammenhang von Antrag -> Bearbeitung -> Genehmigung präsentiert bekommen und sehen, dass sich hier wohl mehrere Sündenböcke zusammen versündigt haben.
Der ahnungslose, trauerwütige Bürger will nur Kerzen anzünden und die 21 Toten beklagen. (Wenigstens eine Zahl stimmt für die Medien: mehr als Null Tote = Quote und Thema des Monats). Bester Kommentar bisher von Pius-Schwester Eva Hermann: Die Strafe Gottes ist auf die Sünder und Teufelstänzer niedergefahren! Eine biblische Szene hat sich in Duisburg ereignet. Eine Feier der Dekadenz wie einst zu Babylon wurde durch Gottes Zorn vernichtet. Da kann selbst geballter Zynismus Eva Hermann nicht das Wasser reichen, denn sie verfügt über eine genuine Quelle der Borniertheit, eine kleinen Geist der ein Perpetum Mobile der Dummheit ist.
21 Tote gereichen uns schon zur “Katastrophe” von biblischem Ausmaß. Und eigentlich sind wir schon im Mittelalter angekommen, wenn eine Medienhatz auf den Sündenbock – vornehmenlich den dekadenten Oberbürgermeister-Teufel – veranstaltet wird. Dieser wiederum ist so einfältig, dass er den Unterschied eines politischen Rücktrittes als Schuldeingeständnis und als Symbol, nicht unterscheiden kann. Oder sagen wir lieber, er kann es wohl schon begreifen, doch keine Variante würde ihm seinen monatlichen Verlust von rund 10.000 Euro ausgleichen. Na, so schlägt die Prestigegier zurück, Kosten kleinhalten wollen, aber kein Rückgrat. Der Herr zieht es vor bequem abgewählt zu werden, für eine Rente mit der er sich aushalten kann…aber Alles was wir aus dem Fall entnehmen können ist, dass das duisburger Kleinbürgertum einfach mit einer Großveranstaltung und dem geforderten Rest gesunden Menschenverstandes überfordert ist.
Die Regierung hat nun eine “Sofort-Hilfe” von 1 Million zugesagt. Ist auch angemessen und nicht als Schuldeingeständnis zu werten. Eingedenk der Tatsache wieviele “Ernährer” nun den Familien entfallen sind ist die Entschädigung ja angebracht. Auch liegen jetzt neueste Erkenntnisse dem unabhänigen Expertum vor, nachdem die Schuldfrage nicht ganz klar nur einer Instanz zugewiesen werden kann. Wenigstens auf ein überbezahltes Germium ist verlass…
Zwangsgedanke Teil 7: Schau dich doof oder wenn die Gesundheits-Gestapo 2x klingelt
Wer am Ende seines Lebens noch Gesundheit übrig hat, hat falsch gelebt und viel verpasst. – Gerhard Kocher
Soo liebe Blogfreunde, euer bester Freund Zwangsjacke hat wahnsinnig viel Stress und soo viel zu tun. Und was macht man wenn man zu viel zu tun hat? Richtig! Mal mehr Fernsehen gucken als das ohnehin schon zu kleine Gehirn vertragen kann. Und so wundert es nicht, dass ich mal wieder eine (neue) Lieblingssendung aufgetan habe. Dieses Mal…
Schau dich schlau!
Die Sendung läuft auf einem einschlägigen hinteren Sender. Ich weiß auch gar nicht mehr was die Sendung eigentlich darstellen möchte – sowas wie die Sendung mit der Maus für Erwachsene, aber solche Erwachsene für die die Sendung mit der Maus noch zu anspruchsvoll ist. Ist auch egal… auf jeden Fall treten in der Sendung regelmäßig zwei sporty, trendy, gebildy, flippy Mann und Frau auf, die gestellt ahnungslose Normalos überfallen und in den Kühlschrank gucken! Was da nicht alles ungesundes drin ist! Pfui! Cola! Pfui! Schokoriegel! Pfui! Salami! Pfui! Butter! Pfui! (Die Liste geht nun durch bis zum Letzten. Nur ein Krümel Käse darf man lutschen.)
Die zwei Herrschaften der selbsternannten GesundheitsGestapo (endlich mal wieder ein dritte Reichs Vergleich für das Niveau) klären dann auf, was man überhaupt nur essen sollte, also darüber was in jedem Falle gesund ist. Fettarmer Jogurt, Salat, fettarme Milch, fettarmer Schinken, butterlose Butter, Bio-Äpfel – also Äpfel-Äpfel -, etc. Selbstverständlich lies man sich nicht dazu bitten nun klipp und klar zu sagen, was denn nun absolut ungesund ist. Pizza, Pommes, Cola, Schokoriegel sind Nein und Pfui!
Das Problem ist nun nicht, dass ein geistiges Alter von höchstens Vier haben darf, sondern was die allgemeine Botschaft dieser Sendung ist. Die Botschaft ist: Lebe gesund! Sei gesund! Ernähr dich gesund! Nimm ab! Dann und nur dann wirst du glücklich sein! Wer glücklich ist, ist schlank; schlank = gesund. Aber wenn nur das die eigentliche Botschaft sein sollte, ist mir die Sendung zu konservativ. Dann würde ich schon einen Hardliner Ernährungsplan erwarten: Algen, entsaftete Gräser, perverse Shakes, exotische Rohkost, Einläufe und Heilfasten. Das wäre gesund! Aber so gesund darf es dann doch nicht sein. So gibt es also zu gesund?
Das andere Problem das ich sehe: diese Sendungsformate mit ihren platten Botschaften kommen nie zur Klärung der Warum-Frage. Warum soll ich – ja warum muss ich – gesund sein, mich gesund ernähren? Man muss es mal klar sagen: gesunde Ernährung macht keinen Spaß. Warum sollte ich vollends auf Pizza verzichten, nur weil die “ungesund” ist? Mag ja sein, dass ich nach der dauerhaften Gräserkur mich nicht nur wie Adonis fühle, sondern auch so aussehe, aber bequemer gebe ich da auch nicht den Löffel ab.
Ja und überhaupt, die Botschaft scheint oberflächlich das Konsumgebot zu unterlaufen. Eigentlich müssten ja alle fröhlich sein, wenn man sich nur schön brav mit Junkfood vollstopft. Aber das Konsumgebot wird nur umgelenkt, auf die gesunden Produkte. Und wie jeder weiß sind gesunde Produkte teurer als der ungesunde Fraß. Das kann man mit Leichtigkeit beim nächsten Einkauf selbst feststellen, wenn 6 Bio, ähh, Äpfel-Äpfel (wie sonst soll man “Bio”-Apfel verstehen? Und was ist das, was kein “Bio”- Apfel ist?) teurer sind als eine Tiefkühlpizza!
Was nur wirklich übel ist, ist wie jedes Mal mit dem uralten Sündenfallmotiv gespielt wird. Wer sich nicht gesund ernährt, der “sündigt”. Wer streng diät hält, aber sich einmal doch eine Pizza bestellt, der versündigt sich. Vor wem eigentlich? Natürlich vor dem Bio-Gott, der alles sieht, alles weiß, und seine Produkte für einen guten Preis mit einem Aufkleber versieht. Tja, und weil wir Alle an chronischer Willensschwäche leiden, und die heilige Gesundheitspropaganda nicht heiligen, klingelt auch demnächst an deiner Tür die geheime Gesundheitspolizei verkörpert durch Lulatsch-Bert und Blondi-Sporty, die überprüfen ob auch du Gesundheitsfeinden in deinem Kühlschrank unterschlupf gewährst! Und wenn….ja wenn.. dann Gnade dir der Bio-Gott!
Zwangsgedanke Teil 6: Was haben der Rücktritt von Horst Köhler und ein Sack Reis gemeinsam?
Die Vitalität und Stabilität der Demokratie – auch der Wirtschaft – hängen letztlich eminent von der Durchlässigkeit der Gesellschaft ab. Wir brauchen Eliten. Aber sie dürfen sich nicht nur aus sich selber rekrutieren – Horst Köhler
Hmm, mal überlegen… beide Fallen um und die Presse berichtet drüber, wenn es sonst nichts Interessantes zu geben scheint? Auf Anhieb richtig! Der Rücktritt von Köhler toppt selbst eine der größten Ölkatastrophen überhaupt. Hut ab! Das hätte man dem Mann gar nicht zugetraut. Offengestanden hat man den Mann doch nur als Witzfigur wahrgenommen und das liegt nicht an seinem Scheinamt – ein bischen auf den Altenprügelknaben Zeitgeist einschlagen und mal ein paar rührselige Kommentare traue ich jedem Stammtischpolitiker zu.
Aber große Einsichten und Diagnosen der Wirtschaft hat der Mann stets geliefert. Die Platitüde, dass Raubtierkapitalismus herrscht, Gier und Raff- und Habsucht die großen Tugenden in der Wirtschaft sind, die an den Pranger gehören. Toll! Zu soviel Scharfsichtigkeit braucht es ein Wirtschaftsstudium und Kontakte bis ganz nach Oben in der Wirtschaft. (Wir erinnern uns Alle gern an seine Neujahrsansprache zurück, die ihm wohl ein Geistlicher der Sparkasse geschenkt hat.) Auch seine anderen Äußerungen erscheinen meist einfältig, aber vongrundauf ehrlich. Unentscheidbar, ob er wirklich so naiv ist und sein Insiderwissen preisgibt oder ob er einfach nur seine Hofnarrposition erfüllt – uns also als Clown die Wahrheit verkünden möchte.
Horst Köhler war stets verhaltenunauffällig, aber Dauerfigur im Kabarettprogramm. Kaum tritt der Mann zurück, schon schlagen apokalyptische Diskussionsrunden um sich, ob es nun nicht ganz Berg ab gehe, da einer der letzten Wirschaftsverständigen in Deutschland aus der Politik scheidet. Mein Beitrag zu solchen Debatten ist die Spekulation, dass Köhler aus dem Amt geschieden ist, weil er die Konsequenzen für seine Äußerungen (Taten gab es ja eigentlich nicht) nicht tragen will oder darf. Wer glaubt es gehe nur um die Wahrheit über militärische Einsätze der irrt. Vielmehr ziehen sich wohl so langsam die Hintermänner der großen Politik, die in jüngster Zeit gemacht wurde, zurück. Und wie groß die Aufregung war!
Kaum war Phrasen-Horst zurückgetreten, schon drohte man damit die “Mutter der Nation” auf den Thron zu setzen. Bei dieser Frau bin ich mir absolut unschlüssig, ob nur bei einem Skeptiker Retorikunterricht genommen hat und deshalb nie weiß worüber die Anderen Reden, sobald es um die “Arbeit” geht oder ob sie einfach nur jeden Realitätssinn verloren hat und intellektuell umherirrt.
Aber zusammenfassend kann man sagen: es wird wieder kräftig Lärm um Nichts gemacht. Welche Form Schachfiguren haben ist vollkommen uninteressant und wenn einer eine runde Figur durch eine eckige ersetzt, der spielt immer noch Schach und nicht Mühle. Und wie es aussieht wird uns demnächst auch weiterhin einfach nur was vorge-gaukelt…
Zwangsgedanke Teil5: Hass auf und in der Fernsehlandschaft
Fernsehen wurde nicht für Idioten erschaffen – es erzeugt sie. – Neil Postman
In letzter Zeit sehe ich zu viel Fernsehen. Grausam. Die Fernsehlandschaft bietet durchweg unteres BILD-Niveau, und das will was heißen. Für gewöhnlich führt man den Schluss an, dass das Fernsehen mit einem verallgemeinernden Menschbild arbeitet und sein Programm für den „Durchschnittsmenschen“ macht. Im Bereich der Softwareentwicklung orientiert man sich am Dümmster Anzunehmender User, so kann man wohl beim Fernsehen vom Dümmsten Anzunehmenden Zuschauer ausgehen. Neil Postman schreibt, dass dieser dümmster Zuschauer das Kind wäre und prognostiziert die Schaffung eines Kind-Erwachsenen, ein erwachsener Mensch mit dem Geist eines Kindes. Was Postman noch in der Entwicklung begriffen sah, sei heute schon Fakt. Der Eindruck muss sich einem aufzwängen und die allgemeine Ebene des Intellekts ist nicht vorhanden. Doch man muss sich einmal fragen, ob dies nur der Eindruck ist der entstehen soll. Tatsächlich ist kaum davon auszugehen, dass ein erwachsener Mensch – unserer Dekadenzgesellschaft, ja selbst in Griechenland – so primitiv ist, dass er den Flachsinn nicht bemerkt.
Als Jemand der um seinen kranken Geisteszustand noch besorgt ist, greift man noch auf die – wohlgemerkt vom Fernsehen selbst – als niveauvoll ausgezeichneten Sendungen zurück. Klar, dass da nur die Politik-Talkshows vom Kaliber Meischberger, Will und Illner, höchstens noch brillierenden journalistische Glanzlichter eines Beckmann und Kerner in Frage kommen können. Aber wem die Meischberger einfach zu selbstgefällig und einfältig, die Illner zu beschränkt, der Beckmann zu selbstverliebt und der Kerner zu hohl ist, ja für den gibt es noch zwei Fernsehsterne, die über diese traurigen Figuren erhaben sind. Die Rede ist natürlich von meinen neuen Lieblingen Plasberg und Lanz!
Frank Plasberg gibt sich als Journalist und Fernsehmoderator aus. Der Mann gibt die Sendungen Hart aber Fair und bei Plasberg privat oder so im Vierundachzigsten. Wer seine Sendungen mal verfolgt –was ich nicht empfehlen will – der stellt fest, dass Plasberg wohl auf die gleiche Journalistenschule wie Michel Friedmann gegangen ist. Sein Moderationsstil ist ebenso asozial und reißerisch. Ein markantes Merkmal von ihm ist, dass er gerne Fragen stellt. Gut, das gehört zum Job, doch Plasberg beschränkt sich nur auf das Stellen von Fragen und nicht auf das Erhalten von Antworten auf diese Fragen. Er fragt etwas – leidenschaftlich, etwas Provozierendes – wendet sich dann von dem Angesprochenen ab und stellt einem Anderen die nächste Frage. Souverän vermittelt er, dass er gar kein Interesse an einer Antwort hat. Mit größter Hingabe leiert er seine reißerischen Skripte ab und gibt altkluge Kommentare von sich. Man fragt sich, weshalb ist Plasberg (noch) nicht selbst Politiker? Wahrscheinlich ist in der Politiklandschaft die Nachfrage von hetzerischen Dummschwätzern und von Altersweisheit geplagten 30+ erschöpft.
Allerdings ist mein absoluter Liebling Markus Lanz. Während ich diesen Artikel hier schreibe, stelle ich mit Überraschung fest, dass Lanz nicht nur Moderator, sondern auch Autor ist. Dass er schreiben kann hätte ich ihm gar nicht zu getraut. (Außerdem untermauert das meine These, dass heute jeder Trottel ein Buch verlegen lassen kann. Gutenberg hätte sich wahrscheinlich aus Anstand erschossen, hätte er gewusst wozu man den Buchdruck missbrauchen würde.) In schier unerschöpflicher Selbstgefälligkeit, Geilheit an sich selbst und (hoffentlich nur gespielter) Einfältigkeit leitet dieser Mann seine Gesprächssendung. Kindlich dumm und platt bemüht er sich Gefühlsduseleien und Schwachsinn aus seinen Gästen zu pressen. Er hat für Alles und Jeden Mitgefühl und vor allen Dingen für sich selbst. Ich zittere schon heute vor dem zukünftigen Fernsehprogramm in dem vielleicht das gemeinsame Kind mit Birgit Schrowange seinen Platz annehmen könnte. Das dann bis zur Unkenntlichkeit in die Hölle hinab gesteigerte Niveau der Sendung übersteigt meine tapfere Vorstellungskraft.
In diesem Sinne kann man nur noch den letzten legalen Drogen zusprechen um die Berieselung mit zu hohem Alkoholpegel auszuhalten. Vielleicht sollten die Fernsehhersteller dazu überzugehen einen Kasten Bier zu jedem Neugerät zu bündeln; das kurbelt das Geschäft an.
Zwangsgedanke Teil 4: Über Radiosender oder 1Live
“Was predigt ihr den Wilden? // Tut Not, erst die Gebildeten zu bilden.” – Eduard von Bauernfeld
Wer das zweifelhafte Vergnügen hat in einer Gegend Deutschlands zu wohnen in der er in den Genuss von hippen Radiosendern wie 1Live kommt, kennt folgendes Problem. Wenn ich im Auto sitze oder in ein Trend-Cafe komme, im Fitnessstudio einlaufe oder selbst in Amtsstuben vorbei muss, kann ich mich von stylischen Radiosendern beschallen lassen. Da ist grundsätzlich gar nichts gegen einzuwenden. Radio wurde wohl bereits mit einsetzender finanzieller Erschwinglichkeit überall gehört, wo es sich angeboten hat. Und das war auch noch eine Zeit in der das Radio DAS Medium überhaupt war: Nachrichten, Sportübertragungen, selbst politische Reden wurden per Radio dem Bürger zugänglich gemacht. Diese Zeiten sind vorbei; die kuscheligen Zeiten, in der noch die bürgerliche Familie beisammen saß, gestrickt und entspannt wurde – eben während des Radioprogramms; Alles Geschichte. (Gut, das ist vielleicht heute auch noch der Fall, dass während des Radioprogramms gekuschelt wird, aber dazu muss man schon Messdiener sein oder sich in ein religiöses Internat einkaufen.)
Auf jeden Fall haben sich die Zeiten geändert. Heute wird aggressiv Radio betrieben und um die wenigen Hörer noch gezerrt. Deswegen gibt es immer mindestens einen angesagten Radiosender. Hier heißt das 1Live. 1Live macht ultrakonservatives Programm. 1Live ist der Sender der dem alten Schlachtroß Ingo Schmoll Asyl gewährt hat. Von einer Mehrzahl von Playlists kann man bei 1Live gar nicht sprechen. Es gibt nur EINE Playlist, die unter verschiedenen Sendungsnamen gesendet wird und diese Playlist läuft von morgens bis abends. Ja selbst das wäre nicht mal schlimm, wäre die Playlist wenigstens gut gemischt – mal ein Chart-Hit und ein „Klassiker“ (nein, keine Mozartkomposition). Anscheinend ist das Zuviel verlangt. So kam bei mir die Frage auf: Für wen machen die eigentlich Programm? Wer ist die Zielgruppe?
Die Zielgruppe sind ganz klar Jugendliche, Schüler und Heranwachsende. Wer hier über 25 ist scheint aus dem Raster zu fallen oder darf zumindest nicht mal ansatzweise Musikgeschmack haben – nicht mal den Wunsch nach abwechslungsreicher Musik. Dazu haben diese Trendsender immer nervige Moderatoren, die selbst einen Bombenanschlag mit der gleichen einschläfernden Stimme präsentieren wie die Melonenzucht im Kleingarten von Tante Erna. Ganz besonders gut finde ich, wenn sich die Moderatoren bei einschlägigen, „extremen“ Nachrichten emotional werden müssen. Da wird einem das Denken gleich abgenommen, wenn man hört wie furchtbar etwas ist. Mehr als die gängige Meinung, die alltägliche Verblendung zu den Themen kommt den Moderatoren nie über die Lippen. (Viel eher sollte man mal bewusst diese Sender hören um festzustellen was der allgemeine Konsens zu den jeweiligen Themen ist – soweit die Moderatoren über einen hörenswerten Kommentar zustande bringen.)
Bis hier ist erst mal nichts Bemerkenswertes festzustellen, typisches Massenmedium mit dem üblichen Programm. Radio ist nur noch eine Hure der Musikindustrie. 1Live macht da für seine jugendliche / heranwachsende Zielgruppe keine Ausnahme. Ein Sender für „junge Köpfe“, d.h. da kann man ein Buch gegenschlagen und es klingt hohl um es mal mit Lichtenberg zu sagen. Trendige, hippe Leute die auf Konzerte gehen und Party machen… Und für diese Zielgruppe gibt es dann noch das Programmstück „Kirche in 1Live“! Wie passt das zusammen? Allem Anschein nach wirken hier die späten Ausläufer der Talkshowwelle der 90er Jahre nach. In dem charakterlosen Wertepluralismus der seit bereits zwei Jahrzehnten geprägt wird arrangiert man sich mit allen Werten, ganz gleich wie befremdlich die auch sein mögen und müssen. Christliche Werte kommen nie aus der Mode und unsere Jugend erliegt dem Reiz für Alles offen sein zu wollen…
„Kirche in 1Live“ sind kurze Radiobeiträge des katholischen Rundfunkreferates NRW in denen ein aktuelles Thema, bspw. das Erdbeben von Haiti oder auch Hartz IV, angesprochen und mit christlichen Werten angereichert wird. Die Sendung propagiert religiöse Ideologie und scheint ein verzweifelter Versuch neuen Missionierens zu sein. Als ich die Sendung das erste Mal gehört habe, dachte ich es sei eine Comedy-Reihe. Leider ist das ernst gemeint. Vorgegangen wird immer gleich: Ein mit Emotionen aufgeladenes, aktuelles Thema wird aufgegriffen und aus einer christlichen Haltung heraus dargestellt. Die Meinung fördert eine bestimmte Haltung zum Thema und schlägt auch ein bestimmtes, den christlichen Werten entsprechendes Handeln vor – was auch in dem Einnehmen einer Haltung bestehen kann. Kurz: Es handelt sich um eine modernisiertes, „hippes“ Wort zum Sonntag. Das Ganze ist dann so schön verpackt, dass es rational und angemessen erscheint die vorgeschlagene Haltung zu praktizieren, denn es muss einleuchten dass es sich bei der Kirche um eine gute Institution handelt, deren Werte ebenfalls – mindestens – gut sind. Noch schlimmer ist dieser warme seelsorgerische Ton mit dem die Beiträge eingesprochen werden. Die Illusion es würde ein so tiefer und wichtiger Punkt gemacht werden, zum Nachdenken angeregt werden. (Ich hoffe diese Beiträge stiften uns Alle zum Nachdenken an, doch in einem ganz Anderen Sinn als die Beiträge verfolgen…)
Da frag ich mich: wie weit sind die Jugendlichen von ihrer Elterngeneration wirklich entfernt? Da geben sie sich soviel Mühe sich durch Kleidung, Slang und Musik in Gruppen abzugrenzen und dann gibt es als Garnitur noch christliche Werte. Bravo! Wenn sie sich wenigstens daran halten würden, könnte man auch das noch mit zugekniffenen Augen durchgehen lassen. Allerdings steigt die durch Jugendliche verursachte Opferrate massiv an, gerade unter unseren Rentnern. Selbst die Jugendlichen, die es nicht mehr in ihrem Körper aushalten vergehen sich an Papas Waffenschrank und richten erst noch einige Mitschüler bevor sie sich selbst erlösen. Das ist eine ganz neue Form der Nächstenliebe mit einer Priese radikalisierten Pessimismus! Was heißt das?
Die christliche Botschaft kommt in den Köpfen der geistig Bedürftigen gar nicht an. Stattdessen wird wohl nur bei bereits Bekehrten gepredigt. Aber wahrscheinlich liegt es doch daran, dass die zur Gewalt motivierten Heiden kein 1Live samt Kirchenbeitrag gehört haben…
Zwangsgedanke Teil 3: Über (Karriere-)Netzwerke
„Have you met my friend Ian? He’s a computer hacker. He helped me erase your MySpace page, and your band’s MySpace page, and your FaceBook page. Happy networking asshole!“ – Allison (Zooey Deschanel), Yes Man 2008
Heute gehört es ja schon zum guten Ton seine sinnlose Existenz mit einem Facebook- oder StudiVZ-Profil auszufüllen. Das ist aber nur Kinderkram. Für die Großen von uns gibt es die erwachsenen Version, sog. „Karrierenetzwerke“. Karrierenetzwerke sind seit einigen Jahren bereits der letzte Schrei. Wer nicht nur einen „Job“ haben und machen will, sondern „Karriere“ – das gehört sich ja so – muss in einem Karrierenetzwerk sein um was aus seinem Leben zu machen.
Es bietet sich an dem Ganzen mal etwas nachzugehen und zu verstehen was dahinter steckt:
Was heißt „Karriere“? Wie bereits erwähnt gibt es die merkwürdige Unterscheidung zwischen „Job“ und „Karriere“. Ein „Job“ ist nur einfach „Arbeit“, blanke Tätigkeit – die besten Falls – bezahlt wird. Wer jobbt, der hält sich über Wasser und verdient seine Brötchen durch einfache (körperliche) Tätigkeiten. Wer „Karriere“ macht, der jobbt unter Umständen auch nur, aber mit System. Karrieristen wollen die Führungsposition, den überbezahlten Job mit Verantwortung, den kapitalistischen Traum wahrmachen und in finanzieller Unabhängigkeit wie Medienstars im Luxus baden. Da man hier erst Mal nicht viel Unterschiede feststellen kann – wer ist so anspruchslos und will nur einen schlecht bezahlten „Job“ für seine geopferte Freizeit haben? – wurde eine weitere, hierauf aufbauende Begrifflichkeit eingeführt: Gewinner und Verlierer.
Wer dauerhaft und ausschließlich Jobs macht, der ist ein Verlierer, jemand der es im System zu nichts gebracht hat. Verlierer sind verachtungswürdig und nach Möglichkeit kennt man diese Leute auch nicht und wenn doch, dann sollte man wenig oder gar keine Zeit mit Ihnen verbringen. Karrieristen sind Gewinner. Diese kapitalistischen Sonntagskinder haben es geschafft und leben den Traum vom geschäftigen Arbeitstier, der nicht nur gut aussieht, sondern auch Erfolg bei den Frauen hat. Karrieristen haben gut bezahlte Karrieren, tolle Wohnungen, gute Autos und arbeiten auf ihre Rente in Miami hin. Colgate-lächeln, exotische Bräune und Designerkleidung werden hier ebenso gepflegt wie gute Kontakte und beste Beziehungen zu Leuten, die per Anruf und Gefallen einiges möglich machen können. Und wo können sich Karrieristen besser untereinander verständigen und austauschen als auf „Karrierenetzwerken“?
Was ist ein „Karrierenetzwerk“? Karrierenetzwerke sind angeblich das absolute Novum der Onlineplattformen und essentiell für das eigene Fort- und Weiterkommen im Beruf. Aber was soll so ein Netzwerk überhaupt sein? Eines der einschlägigen Netzwerke beschreibt sich so:
„Über 8 Millionen Geschäftsleute und Berufstätige nutzen das globale Business-Netzwerk XING in 16 Sprachen für Geschäft, Beruf und Karriere. Mit maßgeschneiderten Networking-Funktionen und Services fördert XING die Vernetzung und professionelle Kontaktpflege. Darüber hinaus macht XING die Verbindungen zwischen Menschen sichtbar – eine unschlagbare Ressource um wertvolle Kontakte zu generieren.
Mit XING Jobs, über 30.000 Expertengruppen und Networking-Events von London bis Beijing hat sich XING von einer Plattform zu einem Web-Interface für Geschäftsleute auf der ganzen Welt entwickelt.“
Immer noch keine Ahnung?! Früher hieß (Karriere-)Netzwerk Klüngel, Vitamin B, Beziehungen, Seilschaft, Vetternwirtschaft. Heute ist das ganz vornehm ein „Netzwerk“. Karrieristen werden anscheinend auch gern als Netzwerker bezeichnet. Mir selbst wird immer wieder erzählt wie wichtig es sei ein gutes „Netzwerk“ aufzubauen um seine Karriere in Angriff zu nehmen. Darauf hin hab ich mich auch mal da angemeldet und war etwas überfordert. Was soll man denn da online machen? Erst mal fülle ich schon brav mein „Profil“ aus, erzähle mit welcher Ente ich gern baden gehe und welcher berufliche Mist mich auch noch pausenlos in meiner Freizeit beschäftigt. Und dann?
Ich hab mich dann wieder dort abgemeldet, weil es mir a) zu dumm ist wahllos Leute von bekannten Firmen aus einschlägigen Abteilungen anzuschreiben um nach einem Einstiegsjob zu betteln und b) ich merke, dass mein Rückgrat zu steif ist um meinen Kopf so weit nach unten zu bekommen damit er in den Hintern einer Person passt, die sich durch ihren Arbeitsplatz Prestige verschaffen will. Allerdings habe ich auch keine Karriere…
Zwangsgedanke Teil 2: Westerwelle und Hartz IV
“Guido Westerwelle ist doch keine Comicfigur – den Mann gibt es wirklich!” – Georg Schramm
Seit der Viezekomiker Guido Westerwelle – bei dem Gedanken, dass der Mann Vizekanzler ist, wünscht man Frau Merkel beste Gesundheit – das soziale Auffangnetz als Einladung zu einem Zustand spätrömischer Dekadenz erhob, brodelt es in der hirnlosen Massenmedienlandschaft. Keine Frage, dass sich Deutschlands SchundBLATT Nummer 1 den gemachten Braten ausmacht und wieder mal in schönster Propagandaprosa die Frage los trat: Lohnt es sich überhaupt noch zu arbeiten? Und was in dem intellektuellen PronoBLATT titelt ist wiederum gefundenes Futter für die an chronischer Schwindsucht des Niveaus leidenden Fernsehmagazinen. Klar, dass sich der Stimme des intellektuellen Kleinsbürgertums – EXTRA – gleich daran beteiligt und sich den Titel für flachste Berichterstattung sichern möchte. Im Beitrag vom 22.2.2009 wird hier der Frage nachgegangen, ob es noch lohnen würde einer geregelten Beschäftigung nachzugehen, wo doch das Leben auf Hartz IV so paradiesisch sei. Blanke Augenwischerei und systematische Verdummung wird betrieben, wenn in den Beispielen lediglich Familien mit einem oder mehreren Kindern gezeigt werden. Der Hartz IV Extremist, der als der gängige Bedürftige ausgegeben wird, verfügt über Playstation und PC und möchte noch 700 Euro extra, damit er seinen Kindern mal was „bieten“ kann. Der Empfänger muss auch als Schmarotzer dargestellt werden, denn den anderen beiden Familien bietet sich eine ähnliche finanzielle Misere. Gleich arm wie der Empfänger, gehen die beiden Familienoberhäupter einer geregelten Arbeit nach, beziehen aber kein Hartz IV aus Scham oder weil man zu Arbeiten erzogen worden ist. Der Eindruck der allem Anschein nach geschürt werden soll ist, dass Hartz IV Empfänger:
- faul sind
- Parasiten des Sozialstaates sind
- In paradiesischen Zuständen leben
- undankbar sind
- raffgierig sind
Kurzum: Den HartzIV Empfängern werden alle Eigenschaften zugesprochen, die normalerweise den Politkern zu kommen.
Alles zusammengenommen stellen Hartz IV Empfänger die neue Schicht der Dekadenz dar; wer hätte gedacht, dass wir solange auf die falsche Schicht gestarrt haben um wahrhaft dekadente Menschen zu sehen. Auch ich war dem allgemeinen Vorurteil erlegen, dass Dekadenz in der Oberschicht, dem Jetset, bei den Industriellen und Politikern zu Hause wäre. Tatsächlich hat die geschlagene Unterschicht – Hartz sei Dank! – spätrömische Wohlstandszustände geschaffen und erschlichen. Mit diesem Blick bekommen die obdachlosen Alkoholleichen in den Städten einen ganz neuen Anstrich. Vorher dachte ich immer, dass diese sich ihre miserablen Lebenszustände durch Alkohol und Drogen verschönern; jetzt weiß ich es besser. Demnach werde ich am Wochenende jetzt bei den angesagten Edeldiskotheken vorbeifahren und den Schnapsleichen Geld zustecken, damit sie auch noch am nächsten weiter russischen Vodka und Redbull bestellen können. Das verwöhnte Hartz IV Gesindel straf ich mit Verachtung ab, mit solchem Geldadel will ich nichts zu tun haben. Vielleicht läd mich auch Herr Vizekanzler Westerwelle in seine aus Steuergeldern finanzierte Staatskarosse ein und wir fahren durch die Berliner Hartz IV-Villengegenden und fluchen auf das dekadente Pack bei einem Glas Champagner und einer Zigarre…
Zwangsgedanke Teil 1: Über akademische Zombies
“We will tear your soul apart.” – Pinhead (Doug Bradley), Hellraiser 1987
Deutlich tritt die Institutionalisierung der Philosophie einem entgegen, sobald man an einer Sprechstunde teilnimmt. Ich entsinne mich noch recht klar daran wie man dort mit Abscheu und Verachtung begutachtet wird. Das Exemplar das ich mir gegenübersetzte war nur Fleischgewordene intellektuelle Inzucht der Akademien. Da gibt es keine Leidenschaft mehr für das Thema oder ein weiteres Verständnis. Über Jahre hat die knarrende und quietschende Maschine des fachlichen Debattenbollwerkes und das Meer an Papierverschwendung durch Sekundärliteratur den ohnehin zu kleinen Geist dieses Menschen vollkommen gekrümmt, verbogen und entstellt. Genau genommen spricht man mit gar keinem klar denkenden Menschen mehr, sondern mit einem assimilierten Automaten an dessen rechten Ohr man Worte einsprechen kann, sodass aus dessen Mund der allgemeine Konsens – bestehend aus fachlichem Kauderwelsch und Tautologie – herausfällt. Der Arme war dermaßen intellektuell entstellt und geistig verkrüppelt, dass er selbst nach einer jahrzehntelangen Rehabilitierung, bestehend aus Leseverbot und Aufenthaltsbegrenzung an der Universität kaum noch das Selbstdenken wiedererlernen könnte. Das war ihm natürlich nicht bewusst. Aus seiner Perspektive war er über jede Verkürzung des Themas erhaben. In seiner wirren Selbstsicht hielt er sich wohl noch für einen clandestinen Denker, einen Freigeist, der Stolz mit Selbstbeschränkung verwechselte und sich deshalb nicht öffentlich als Genie ausgibt. Der Gute war davon aber weiter entfernt als ein Hund den aufrechten Gang erlernt. In gewisser Weise war er auch ein Hund. Er war abgerichtet, vollzog auf Kommando rhetorische Kunststücke und wich seinem geistigen Herrchen nicht von der intellektuellen Schulter.
Die bürokratisch akademische Medusa hält einen als Studenten jedoch Gefangen und unterbindet jede studentische Auflehnung. Wer will schon gegen einen Flachgeist aufbegehren, wenn dieser einem doch die Scheine unterschreiben und Noten vergeben muss. Überdies verfügt kein Student über solch großes Talent als den Affen einen Spiegel vorzuhalten und dem Dummen ohne Argwohn und Überheblichkeit zu erklären, dass er dumm ist. Genau genommen war er gar nicht dumm, sondern ist dumm gemacht worden. So dumm wie jeder Geist werden muss, der über einen jahrelangen Zeitraum erst gezerrt, verwirrt und umgeformt wird. Da ist im Prinzip gar nichts gegen Einzuwenden, da es notwendig zu einer Reife und Entwicklung des Geistes gehört sich verändern zu müssen. Wohl gemerkt: Verändern, im Sinn von Wachsen und Ausformen. Nicht von Quetschung, Stauchung und letztendlich Verkrüppelung wie es an der Universität geschieht. Wer hier noch nicht den Stumpfsinn teilt, wer will da als Till Eulenspiegel auftreten? Als Märtyrer mit üblem Zeugnis aus der Akademie entlassen werden? Keiner. Also beugt man sich dem Betrieb, beugt man sich dem Unsinn der einem als – beschämend genug – Status Quo der Dinge (am Puls der Zeit aus Übersee) verkauft wird. Nun können sie so gut vorgebildet sein wie sie wollen, das Gegenüber hat immer einen inhaltlichen Trumpf auf Lager. Eine schöne Anekdote zum Thema, ein paar Fremdwörter und bedächtige oder plump um Sachlichkeit bemühte Rhetorik, dass dem Student gleich klar gemacht wird, wer hier die geistigen Hosenträger an hat. Aber – und so viel ist gewiss – es ist alles mehr Schein als Sein. Der einzige Vorteil und Vorsprung mit dem der Dozent auftrumpft ist Zeit, die er umgewandelt hat in Fachkenntnis durch mehr oder weniger fleißige Fachlektüre. Insgesamt steht diese Formel natürlich für Wissen und Weisheit und … Halt!
Eine kleine Zäsur an dieser Stelle, denn hier geschieht der fatale Fehler. Allgemeinhin würde diese Kette assoziiert werden: Zeit x Buch = Wissen. Diese Formel im Quadrat und man erhält Weisheit; auch wenn keiner so recht weiß was das sein sollte. Auf jeden Fall gehört es nicht in die Formel. Wer Zeit x Buch quadriert erhält nicht Weisheit, sondern „Wissen“ im Quadrat. Auch Wissen wollen wir hier aus der Formel hohlen und – unserer eigenen Erfahrung gemäß – ersetzen mit „Belesenheit“. Jemand der viele Bücher gelesen hat, weiß erst mal nicht mehr als vorher, sondern ist belesen. Demnach lautet die Formel: Zeit x Buch = Belesen. Im Falle unseres Philisters in der Sprechstunde handelt es sich um Jemanden der nicht wahllos, irgendwelche Bücher kreuz und quer gelesen hat – was ihm übrigens gut getan hätte – sondern jemanden der viele Fachbücher zu einem besonderen Thema gelesen hat. Die Formel in seinem Fall ist also: Zeit x Fachbuch = Fachwissen, Pardon! Fachbelesenheit. Wer das quadriert erhält einen fachlich sehr belesenen Menschen, einen Fachidioten! (Kleine Randnotiz für die Fachidioten: Wir haben hier nahezu vollständig die Bedingung der Möglichkeit aller Fachidiotie hergeleitet, der fehlende Faktor folgt zugleich). Einen Fachidioten, weil er nur Bücher liest von anderen Fachidioten, von flachen Geistern die eine genuine Idee nur von den Persönlichkeiten kennen über die sie ihre eigenen Bücher füllen, sich also eine Existenz auf intellektuellem Kredit aufbauen. Aber wie lassen sich so viele Bücher lesen, so dass man nicht zu einem Fachidioten mutiert?
Die traurige Ironie besteht darin, dass es hierfür einer geistigen Frische und Schärfe bedarf, die den fachbetrieblichen Zombies vollkommen abgegangen ist. Durch ihre ideelle Inzucht sind sie Unfruchtbar für das Genuine geworden. Genau jenes genuine Denken das sich noch in einem jungen nicht erstarrten Geist findet. Der Geist, den sie durch ihre Lektionen und falschen Pomp assimilieren und akademisch domestizieren wollen. Sie wollen sich keinen größeren Geist heranzüchten der sie am Ende übertrifft, sondern einen der unter ihnen verdorrt und an ihrer Ideenfäulnis teilhat. Morsche Köpfe, in die staubiger Geist eingetrichtert wird, damit auch ihnen der Staub aus dem Munde rieselt. Kleingeister sind es, die sich mit Erhabenheit und ihren Zitationsorden brüsten, sich überlegen dünken und nicht zu mehr taugen als zum geistigen Massenmenschen. Sie halten sich für so groß und wollen mit falschen Einfällen um die Wette prahlen, wo es nichts Tolles zu bestaunen gibt. Es ist das erste Verwesungsanzeichen kleiner Geister, dass sie sich wie Parasiten von den Einfällen Anderer speisen müssen. Sie staffieren sich aus mit fremden Ideen und halten sich dort für Schneider gedanklicher Haute Couture, wo sie nur des Kaisers neue Kleider fabrizieren. Auf dem akademischen Institutsgang haben sie den platonischen Philosophenstaat ausgerufen und geben sich königlich. Nur zu gern erinnert man sich daran, dass sie ihre Kleinheit in den akademischen Vierwänden mit regalem Gehabe kompensieren müssen, da sie außerhalb dieser perversen Welt ein Niemand sind. Für Hungergehälter oder ganz ohne Vergütung müssen sie ihre Lehrkünste der Nachwelt antun. Zwischen Hartz IV und Tagelöhner bilden die meisten von ihnen eine neue Schicht der Junker und nehmen den Platz des ausgelernten verwahrlosten Studenten ein. Die Realität ist so bitter, dass jeder wissen muss, dass die einzige Krone die diese edlen Doktoren jemals tragen werden die einer namenhaften Fastfoodkette ist.
Nun sitzt man bei einem solchen Menschen in der Sprechstunde als junger Student. Man meint, man habe es mit einem professionellen Philosophen zu tun und erwartet so viel. Heiße Luft bekommt man serviert und ein Laienschauspiel von Jemanden, der krampfhaft darum bemüht ist seinen akademischen Titel mit rhetorischem Schattenboxen zu behaupten. Der Unterschied zwischen diesen einzelnen Figuren besteht oftmals nur in Nuancen. Der eine möchte sich gern gönnerhaft und hilfsbereit geben mit der stillschweigenden Bedingung man fahre ihm nur brav weiter durch den Bart. Der Andere ist der rastlose Analytiker, ein Pastor der strengen Sachlichkeit, der allzu oft darüber verbittert ist, dass es ihm nicht gelingt seine großen Vorbilder zu imitieren. Es ist aber eben diese Imitationsbemühung die sein ganzes Treiben verdirbt, denn die, die sie alle nachäffen wollen, haben nie nachgeäfft und sich noch weniger um die intellektuellen Pantomimen geschert.